Gesellschaftsspiele sind etwas für Kinder, aber keineswegs etwas für echte Kerle. Echte Männer pokern höchstens. Oder?

Nein, erklärt Sebastian Rapp, selbst leidenschaftlicher Spieler und Spieleredakteur beim Kosmos Verlag, in seinem Beitrag für unseren Gentleys-Ratgeber und zeigt auf, warum Gesellschaftsspiele keineswegs out sind und wie echte Männer-Spieleabende gelingen.

Mehr zum Thema schildert er uns im gentleys-Interview.

gentleys: Herr Rapp, Gesellschaftsspiele für echte Männer – ist das was?!

Sebastian Rapp: Bei „richtigen“ Spielen geht es um Kampf, um Durchsetzungsvermögen, darum, besser als der oder die Gegner zu sein. Wenn das keine Männerdomänen sind! Natürlich gibt es Spiele, die nichts für echte Männer sind. Genauso wie es Autos, Sportarten und Biersorten gibt, die nichts für echte Männer sind.

gentleys: Sind Pärchen-Spieleabende empfehlenswert? Oder sollten Männer doch besser unter sich bleiben?

Sebastian Rapp: Bei Pärchen-Spieleabenden gibt es immer noch wenigstens eine Metaebene, die im Spiel ist, ohne mit dem Spiel zu tun zu haben. Das fängt damit an, dass Mann sich fragt, ob ein Angriff auf die Partnerin im Spiel Auswirkungen auf den weiteren Verlauf des Abends hat. Daraus folgt, dass der rational „beste“ Zug, das Spiel zu gewinnen, vielleicht doch kein so guter Zug ist.
Unter Männern stellt sich so eine Frage nicht. Daher ist das Spiel unter Männern ehrlicher und direkter. Es geht um das Spiel und um nichts anderes. Die Schlussfolgerung hieraus kann jeder für sich selbst ziehen.

gentleys: Ihre Tipps für einen gelungen Männer-Spieleabend?

Sebastian Rapp:

  • 1.) Die „Frau des Hauses“ zum Damenabend schicken – oder gleich bei einem Single-Mann spielen.
  • 2.) Genügend Bier kalt stellen.
  • 3.) Die „richtigen“ Spiele für die Gäste auswählen – und vorbereitet haben.

gentleys: Welche 3 Spiele würden Sie für einen solchen Herren-Abend besonders empfehlen?

Sebastian Rapp: Ich gebe ungern allgemeine Spielempfehlungen, da die Geschmäcker und Ansprüche zu unterschiedlich sind. Daher nenne ich einfach mal drei Spiele, die bei den Damen tendenziell wenig Anklang finden, somit für einen Männerabend geeignet sein sollten:

  • Automobile (Lookout Games, neu in diesem Herbst): Wie der Name schon sagt, es geht um Autos. Muss man mehr sagen? Ok , ein bisschen mehr schadet nicht. Das Spiel beschreibt die Anfänge der Autoherstellung. Mit Hilfe berühmter Auto-Pioniere, z. B. Henry Ford, gründen die Spieler Firmen, produzieren und verkaufen Autos. Ein knallhartes Wirtschaftsspiel, das keinen Fehler erlaubt. Etwas trocken, wie Wirtschaft eben mitunter ist, aber immer spannend.
  • Verräter (Adlung Spiele): Ein Kartenspiel mit Brettspielcharme. Auch hier ist der Name Programm, im Spiel gibt es zwei Allianzen, mal ist man besser auf der einen, mal wäre man lieber auf der anderen. Daher ist Verrat an der Tagesordnung. Definitiv kein Spiel für nachtragende Gemüter. Spätestens nach dem Spiel bitte mit Whisky und Zigarren die Versöhnung einleiten.
  • Robo Rally (Avalon Hill, derzeit nur als US-Import, aber mit deutscher Regel erhältlich): Ein echtes Männerspiel, denn Planung und räumliches Vorstellungsvermögen sind in diesem außergewöhnlichen Rennspiel gefragt. Die Story des Spiels klingt zunächst kindisch: In einer futuristischen Fabrikhalle veranstalten die Computer (also die Spieler) nachts mit den Robotern Rennen. Die Spieler programmieren ihren Roboter mittels Karten für 5 Züge im Voraus. Dann werden die Programme „abgearbeitet“, nach jeder Bewegung wird außerdem auf die anderen geschossen. Aber die Roboter sind nicht das Gefährlichste in der Fabrikhalle, sondern die „Brettelemente“: Da gibt es Laser, Fallgruben und vieles mehr, alles gut geeignet, die Roboter um die Ecke zu bringen. Ein todernster Spaß!

gentleys: In Zeiten von PC und Spielkonsolen: Was macht den Reiz eines „gewöhnlichen“ Gesellschaftsspiels aus?

Sebastian Rapp: PC- und Konsolenspiele haben in erster Linie den visuellen Vorteil. Keine Frage, moderne elektronische Spiele haben einen hohen Aufforderungscharakter und meist niedrige Einstiegshürden. Aber selbst Spiele wie Counter Strike, die hohe Anforderungen an die strategischen und taktischen Fähigkeiten der Spieler stellen, haben im Endeffekt dasselbe Manko wie alle anderen elektronischen Spiele: Schnelle Reaktion und Fingerfertigkeit mit Tastatur oder Controller entscheiden das Spiel.

Bei Gesellschaftsspielen hingegen muss man nicht schnell sein. Hier kann man sich auch mal eine Minute Zeit nehmen und den eigenen Spielzug überdenken und an die Strategie anpassen. Ganz platt gesagt: Beim Gesellschaftsspiel entscheidet die Geistesleistung, nicht der schnellste Zeigefinger.

gentleys: Welches ist Ihr persönliches Lieblingsspiel?

Sebastian Rapp: 1830. Ein derzeit nicht mehr erhältliches Spiel über Eisenbahnbau in der Pionierzeit der Vereinigten Staaten. Das Spiel trägt den Untertitel „A Game of Railroads and Robber Barons“. Besser kann man das Spiel nicht beschreiben.
Denn in 1830 werden nicht friedlich Eisenbahnstrecken gebaut. Es geht gnadenlos zur Sache: Bin ich Präsident einer Eisenbahnlinie, so ist mein Ziel nicht, dass es dieser Firma gut geht.
Die Firma existiert nur für mich. Solange es mir nützt, dass es der Firma gut geht, soll es ihr gut gehen. Aber ich kann auch zusehen, dass ihr Kapital in meine Tasche wandert, die Aktien abstoßen und die bankrotte Firma einem Mitspieler zuschustern. Ganz einfach ist das natürlich nicht, aber ein solider Kleinunternehmer, der sich aus Aktienschiebereien raushält und alles für seine Firma gibt, wird bei 1830 normalerweise nicht gewinnen.

gentleys: Wir danken Ihnen ganz herzlich für das Gespräch.

Über den Autor: Sebastian Rapp hat als leidenschaftlicher Spieler sein Hobby zum Beruf gemacht und arbeitet als Spieleredakteur beim Kosmos Verlag, wo er tagtäglich mit spannenden Spielen in Berührung kommt. Für den Ratgeber Gentleys war er zudem als Autor tätig und steuerte den Beitrag “Wenn Männer spielen” bei.

Artikelfoto © Volker Gerstenberg – Fotolia.com

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